Warum der Great Bear Rainforest uns alle angeht 2


Vor kurzem machte in den sozialen Medien die Meldung die Runde, dass der Great Bear Rainforest an der kanadischen Pazifikküste nunmehr in großen Teilen vor der weiteren Abholzung geschützt ist. Wie viele andere auch, gab ich meiner Freude darüber unter einem Facebook-Beitrag Ausdruck. Erschreckend fand ich in diesem Zusammenhang, dass mir jemand keine 2 Minuten später die Frage stellte, was denn mich als Deutsche der kanadische Wald anginge, ich solle mich doch erst einmal für die heimischen Wälder einsetzen, bevor ich mich für „ausländische Belange“ interessieren würde. Dazu bekam ich einen längeren Vortrag über das Kehren vor der eigenen Haustür gehalten. Wie bitte?

Im ersten Moment war ich irritiert und auch erbost über so eine Aussage. Doch dann begann ich, darüber nachzudenken. Viele Menschen wissen gar nicht, was dieses Stück Wald und Wasser für uns alle bedeutet, darum möchte ich Euch heute ein wenig mehr darüber erzählen. Dieses kleine Fleckchen Erde ist so viel mehr als „nur“ die Heimat eines exotisch anmutenden Bären oder ein Ort, an dem man wunderbar Whale Watching betreiben kann. Doch den Meisten ist das gar nicht bewusst, denn ein Großteil der Informationen, die man zu dieser Region bekommt, haben rein touristischen Bezug und sind somit eher in der Kategorie „heile Welt“ einzuordnen.

Nur, dass die Welt im Great Bear Rainforest eben nicht wirklich heil ist, und die Tatsache, dass uns alle das sehr wohl betrifft, lieber nicht in den schönen Hochglanz-Prospekten erwähnt wird. Das möchte ich heute an dieser Stelle tun – Euch davon erzählen, wie wunderbar, aber auch fragil dieser Regenwald ist, von dem so viele Menschen noch nie etwas gehört haben, was ihn so wichtig macht und was ihn bedroht.

Zunächst einmal zeige ich Euch, wo sich der Great Bear Rainforest eigentlich befindet. Er liegt an der Westküste Kanadas und bildet die Küstenlinie zum Pazifik.

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Bildquelle: Google Maps

 

GBR-Karte

Bildquelle: Google Maps

Diese Region umfasst eine Fläche von rund 32.000 km² und ist damit etwas größer als Belgien. Der Great Bear Rainforest ist Teil des letzten großen Kaltregenwaldes auf unserem Planeten. Die Küstenregion setzt sich zusammen aus Fjorden, die die Berge durchschneiden, und unzähligen kleinen Inseln, jede ein Miniatur-Lebensraum für sich.

So viel zu den nackten Fakten. Nun klingt Kaltregenwald auch erstmal ungemütlich und nicht nach einem Ort, der einem als erstes in den Kopf kommt, wenn man an Urlaub denkt. Was also ist daran so interessant und wichtig? Diese Frage stellte ich mir in der Tat auch, als wir uns das erste Mal dorthin auf den Weg machten. Für mich klang es nach einem eher ungemütlichen Ort, denn wer stapft schon gern im Urlaub durch einen nasskalten Wald? Trotzdem war ich neugierig und gespannt, was mich dort erwarten würde.

Als wir von Vancouver aus nach Bella Bella flogen, sah man schon aus dem Flugzeug, dass dort unten die Welt irgendwie anders ist.

Anflug GBR

Anflug GBR1

Ich bin schon so einige Strecken geflogen, aber dass die Wolken dabei so tief unter mir hängen, habe ich zuvor auch in dieser Form noch nicht gesehen. Es wirkte ein wenig auf mich, als würde der Wald versuchen, die Wolken festzuhalten. Dieser Eindruck verstärkte sich später noch, als wir in unserem kleinen Schiff nach Shearwater fuhren, einem Resort, in dem wir die erste Nacht verbringen sollten, bevor es tiefer in den Regenwald hineinging. Die Wolken schienen die umliegenden Berge regelrecht zu umspielen, sie flossen die Hänge hinab, bildeten bizarre Formen, um sich Sekunden später aufzulösen, als wären sie nie da gewesen.

An unserem ersten Tag in Shearwater sah ich mehr Tiere, als ich während unseres gesamten ersten Aufenthalts in Kanada ein paar Jahre zuvor zu sehen bekommen hatte, ich war begeistert! Allein die schiere Masse an Weißkopf-Seeadlern ließ mich staunen. Einen oder zwei hatte ich zuvor schon gesehen, aber dort flogen so viele dieser wundervollen Greifvögel herum wie bei uns daheim Amseln oder Tauben. Dieses prächtige Jungtier saß ganz entspannt am Ufer und trocknete sein Gefieder.

Eagle drying Great Bear Rainforest

Ein kurzer Spaziergang entlang des Ufers bescherte uns eine spannende Entdeckung. In dem wirklich sehr kalten Wasser des Pazifik hatte ich alles mögliche erwartet, aber keine kunterbunten Seesterne.

Seestern2

Seestern1

Seestern3

In diesem Moment ging mir endgültig, dass diese Region doch irgendwie anders ist, als ich es mir vorgestellt hatte.

Die nächsten Tage waren angefüllt mit Programm – jeden Tag ein Trip in einen anderen Fjord, auf eine andere Insel. Was ich sah war eine Region, die vor Leben geradezu überquillt. Jede noch so kleine Nische birgt einen Lebensraum für sich. Riesige Bäume bilden Symbiosen mit winzigen Algen, so dass alles satt und saftig wirkt. Diese Symbiose findet man nur an Orten, an denen die Luft absolut rein ist.

Symbiose1

Symbiose2
Je länger ich mich dort aufhielt, umso mehr veränderte sich mein Blickwinkel auf die mich umgebende Natur. Man spürt, dass hier alles miteinander verwoben ist, dass jeder Halm, jedes Blatt und jeder Tropfen Wasser hier seinen Sinn und seine Notwendigkeit hat.

Baum

Kein Baum steht einfach nur für sich allein, jeder bietet noch Lebensraum für Farne, Moose, Algen und Kleinstlebewesen. Doch nicht nur das, einige der großen, alten Bäume bergen zudem noch ein Geheimnis. Wenn man sich ihnen nähert, sieht man am Boden einen alten, ausgetretenen Pfad. Doch die Trittmale sehen seltsam aus, denn nicht der gesamte Pfad ist ausgetreten. Seit Generationen gehen Grizzlies diese Pfade, und aus einem Grund, den wohl nur sie kennen, treten sie immer in die Fussstapfen derer, die diesen Weg vor ihnen gingen. Und so sieht man einzelne, dafür aber sehr tiefe Fußabdrücke der Bären, die auf den Baum zuführen. Der Baum selbst dient den Bären doppelt: zum Einen als Rückenkratzer, zum anderen aber auch als Revier-Markierungspunkt für andere Grizzlies. So sieht ein solcher Baum aus, wenn er über Generationen hinweg so von den Bären genutzt wird:

Grizzlybaum

Nur wenige Schritte von diesem schönen alten Baum befindet sich eine Fläche, die unser Guide die „Grizzly-Weide“ nannte. Hm – eine Weide für Grizzlybären? Das erschien uns seltsam, bis wir lernten, dass ein großer Teil der täglichen Nahrung eines Grizzlies aus Gras und Blättern besteht. Das passt so gar nicht in das Bild, das man sich als Europäer von Grizzlybären gemacht hat, oder? Wahrscheinlich habt Ihr auch eher die „Hollywood-Variante“ dieser Tiere im Kopf, groß, bedrohlich, gefährlich die Zähne zeigend, denn so werden uns diese Tiere überwiegend präsentiert.

Grasmeer

Flächen wie diese mit ihrem hohen, saftigen Gras sind besonders beliebt bei Grizzlies, denn hier können sie nicht nur in aller Ruhe fressen, sondern auch ein ungestörtes Nickerchen halten. Ein paar Meter weiter schlugen wir an diesem Tag unser Lager auf und hatten das Glück, am anderen Ufer des Flusses eine Grizzly-Mutter mit ihren drei Jungtieren beobachten zu können. Es war wunderbar miterleben zu können, wie sie ihrem Nachwuchs das Fischen beibrachte!

Grizzly Mutter mit Cub

Grizzly family

Ihre Beute sind Lachse – und diese bilden die Grundlage für die Vielfalt und Überlebensfähigkeit des Great Bear Rainforest. Lachse als Grundlage für das Leben eines Waldes? Das klingt im ersten Moment schon seltsam, oder? In diesem Ökosystem ist wirklich alles ganz intensiv miteinander verwoben, und so ist der Lachs nicht nur Nahrungsquelle für große Raubtiere an Land und im Wasser, sondern auch für unzählige Klein- und Kleinstlebewesen und erstaunlicherweise auch für die Bäume! Das klingt merkwürdig, ist aber ein toller Weg der Natur, in einer Region, in der es viel Fels und keine sehr dicke Schicht nährstoffhaltigen Mutterboden gibt, noch für ausreichende Nahrung für die Pflanzen zu sorgen. Und das geht eigentlich ganz simpel.

Wenn die Lachse im Herbst ihren großen Treck aus dem Pazifik die Flüsse hinauf antreten, warten Bären, Wölfe, Adler und andere große Beutegreifer im Wasser, an Land und in der Luft schon auf sie.

Lachse im Great Bear Rainforest

Lachse im Great Bear Rainforest

Lachse im Great Bear Rainforest

Spirit Bear Fishing Great Bear Rainforest

Während die Bären die Fische komplett verzehren, können Wölfe beispielsweise nur die Köpfe der erbeuteten Lachse fressen, da im Körper der Fische Parasiten leben können, die für den Wolf gefährlich, teilweise sogar tödlich sind. Der Rest des Lachses ist nicht verschwendet, er wird von Greifvögeln, Bären, Mardern und anderen kleineren Raubtieren tiefer in den Wald hinein getragen, um dort in Ruhe verzehrt zu werden. Trotzdem bleiben sehr viele Reste der Fische an den Ufern und im Wald liegen. Diese bilden die Nahrungsgrundlage für Insekten und Larven, die die Kadaver dann so weit zersetzen, dass die im Fisch noch enthaltenen Nährstoffe wie der von den Bäumen zum Wachstum benötigte Stickstoff freigesetzt werden. Über ihr Wurzelwerk nehmen die Bäume den Stickstoff auf, und wissenschaftliche Vergleiche haben gezeigt, dass die Bäume im Great Bear Rainforest deutlich schneller wachsen als gleiche Arten in anderen Regionen mit ähnlichen klimatischen Bedingungen, aber ohne Lachse.

Wenn man im Herbst durch Great Bear Rainforest wandert, wird man daher häufig von einem nicht wirklich schönen Duft begleitet, denn verrottender Fisch stinkt einfach zum Himmel!

Dead Salmon Great Bear Rainforest

Trotzdem ist es herrlich, diesen Überfluss an Leben zu spüren, zu sehen, wie die Pflanzen in sattem grün vor einem Himmel leuchten, der seine Farbe innerhalb kürzester Zeit von regnerischem Grau in ein strahlendes, leuchtendes Blau verwandelt. Doch für den Lachs ist sein Platz in der Nahrungskette noch nicht vollständig erfüllt, wenn er seinen Laichplatz am oberen, seichteren Bereich des Flusses erreicht hat. Nach dem Laichen stirbt das Tier an Entkräftung – und bietet so noch Futter für den Nachwuchs, wenn er schlüpft. Und selbst der Laich dient vielen Vögeln noch als willkommenes Futter. So schließt sich am Ende der Kreis – und Tiere wie Pflanzen haben durch diese immer währende Erneuerung wieder Kraft und Energie bekommen.

Kehren wir zurück zu der Frage, warum es für uns hier in Europa relevant ist, ob diese Region intakt ist und bleibt oder nicht. Nun habe ich davon erzählt, wie wunderschön und fragil der Great Bear Rainforest ist, wie tief hier alles mit einander verwoben ist. Wenn man sich bei klarem Wetter diese Region von oben anschaut, kann man vielleicht schon ein wenig mehr nachvollziehen, wie sich so ein Kahlschlag des Waldes hier auswirkt. Wir hatten das Glück, an einem recht sonnigen Tag mit unserer Cessna einen Überblick zu bekommen.

Flight to Bella Coola

Flight to Bella Coola1

Flight to Bella Coola2

Dort, wo der Kahlschlag schon stattgefunden hat, sieht es dann so aus:

Kahlschlag GBR

Das ist nur ein winziger Ausschnitt – aber das ist es, was innerhalb von einem oder zwei Tagen verschwindet. Die Bäume, die im Great Bear Rainforest wachsen, sind teilweise viele hundert Jahre alt. Auch sie fallen in nur wenigen Minuten den Kettensägen zum Opfer.

Jeden Tag werden weltweit Bäume abgeholzt – warum sind diese nun interessanter und schützenswerter als andere? Die Antwort ist gar nicht so schwierig, denn durch die intensive ökologische Bindung von Tieren und Pflanzen in dieser Region, gepaart mit einzigartigen klimatischen Bedingungen, ist dieser Wald wie Eingangs bereits erwähnt Teil des letzten großen Kaltregenwaldes dieses Planeten. Und dem entsprechend ist jeder Eingriff in die natürlichen Abläufe durch den Menschen ein schwerer und nicht einfach wieder auszubalancierender Einschnitt in dieses Ökosystem, dass so unglaublich fein aufeinander abgestimmt ist. Nun ist der erste Schritt getan, große Flächen des Waldes sind geschützt. Doch es ist noch mehr notwendig, um dieses Juwel für uns selbst und nachkommende Generationen zu erhalten.

Und wem der Schutz einer weltweit einzigartigen Region noch nicht genug Grund ist, dem möchte ich die Frage stellen, ob er gern Lachs isst. Ja? Prima – wie wäre es mit Pazifik-Lachs? Auch gerne – gut, dann haben wir einen weiteren Punkt auf der Liste. Ohne den Wald würden letztendlich auch die Flüsse nur noch tote Rinnsale sein, in denen die Lachse keine ausreichenden Möglichkeiten mehr finden, ihre Laichgründe zu erreichen. Somit könnten Sie sich nicht mehr vermehren, ihre Zahl sinkt drastisch. Ohne die Lachse müssen Wale, Seelöwen, Bären, Wölfe und andere Fleisch- bzw. Fischfresser verhungern. Die Wale könnten Ihren Jungtieren nicht mehr beibringen, wie sie sich selbst ernähren, weil keine Nahrung da ist. Das gesamte Klima an der Westküste Kanadas würde sich verändern, weil die Bäume die tief hängenden Wolken nicht mehr beeinflussen.

Great Bear Rainforest

Unterm Strich kann man es ganz simpel darauf herunterbrechen: stirbt der Wald, dann stirbt auch der Lachs, und mit ihm viele Tiere, die den Great Bear Rainforest und die Great Bear Sea bewohnen. Übrig bliebe eine tote Region mit trübem, größtenteils leblosem Meer und einer kahlen Felslandschaft, denn ohne die Bäume würde sich auch der Mutterboden nicht lange halten, die Erosion würde sehr schnell das Bild verändern. Die gängige Praxis, die gerodeten Bäume durch Setzlinge nachziehen zu wollen, wird hier nicht funktionieren. Zum Einen wäre eine Monokultur, wie sie üblicherweise nach der Abholzung großer Waldflächen entsteht, nicht hilfreich für die Region, zum anderen wachsen die Bäume in dem rauhen Klima und auf den kargen Böden viel zu langsam, um einen wirklichen Ersatz bieten zu können.

Sicher ist, dass der Wegfall einer solch großen intakten Waldfläche auch weitere negative Auswirkungen auf das globale Klima hätte.  Und dafür soll ich mich nicht interessieren?

Wie auch immer man dazu stehen mag, für mich steht fest, dass der Great Bear Rainforest, dieser wunderbare Wald der Geisterbären, erhalten werden muss. Für uns, für seine Bewohner, für die First Nations, denen er so viel mehr bedeutet als wir begreifen können, und auch für unsere Kinder, Enkel und alle Generationen, die uns nachfolgen.

Wer sich umfassender informieren möchte, kann das am Besten tun auf der Webseite von Pacific Wild (hier sind viele Bereiche auch schon auf deutsch verfügbar!) oder auf der Seite der Spirit Bear Foundation.

Spirit Bear

Bitte schützt meinen Lebensraum!

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