Steigt doch einfach mal aus! 10


Manchmal möchte ich in die Tischkante beißen. Da höre und lese ich immer wieder Kommentare von Kanada-Reisenden, die sich beschweren, sie hätten so wenige Tiere gesehen – und gar keine Bären, so was Blödes! Dabei sind sie doch extra deswegen dorthin gefahren, weil sie Tiere und eben ganz besonders Bären beobachten wollten! Warum nur haben sie keine gesehen?

Ich hätte eine mögliche Erklärung. Wenn man in 10-14 Tagen eine 2.500 Kilometer-Strecke oder noch mehr zurücklegt, dann hat man definitiv sehr viel Gegend gesehen. Schließlich ist man ja nicht so weit geflogen, um nichts zu sehen, gelle? Der Punkt ist nur – bei solchen Kilometerfresser-Touren bleibt nicht sehr viel Zeit, sich an den einzelnen Haltepunkten auch mal in Ruhe umzuschauen!

Letztendlich läuft es darauf hinaus, dass man aus dem Fahrzeug heraus die Wälder, Berge, Seen und Flüsse im Vorbeifahren bewundert und an einigen Hotspots stehen bleibt, kurz ein paar Fotos macht (und zwar meist genau die, von denen es schon eine gefühlte Zillion aus derselben Perspektive im Internet gibt), dann wieder rein ins Wohnmobil und weiter zum Campground. Natürlich wird auch mal „gewandert“ – also eine halbe bis dreiviertel Stunde einen Pfad entlangmarschiert, der einen meist zu einem anderen, ganz tollen Viewpoint bringt. Dieser war dann gerne mal der „Geheimtipp“ im Reiseführer – und ist so geheim, dass man nur wenige Minuten warten muss, bis sich die Busladung anderer Touristen, die sich gerade dort tummelt, aus dem Bild geschoben hat und man sein Selfie schießen kann!

Und wo sind sie nun, die ganzen Bären, Elche, Schneeziegen und Pumas? Manchmal sieht man tatsächlich einen oder mehrere Bären, Elche, Wapitis oder Dickhornschafe am Rande des Highways entlangzotteln. Da ist es, das  Highlight – schnell die Kamera gezückt und Fotos gemacht! Schon kann man zu Hause stolz berichten, man habe natürlich in Kanada auch Bären und sonstige Wildtiere in der Wildnis beobachtet. Wildnis? Hm… Umso größer ist die Enttäuschung, wenn die Tiersichtung am Wegesrand ausbleibt. Da wird dann im Nachgang gemeckert, das sei ja alles gar nicht so, wie in den Reiseführern und Hochglanz-Bildbänden beschrieben, alles nur Fake!

Liebe Leute, Kanada ist ein wirklich riesiges Land, das unglaublich viel zu bieten hat – wenn man sich die Zeit dafür nimmt. Es ist natürlich immer die Frage, was man sehen und erleben möchte. Wer in kurzer Zeit viel Gegend sehen will, ist mit so einer Langstrecken-Tour sicherlich gut bedient. Doch wer wirklich die Weite und Ruhe der Wälder, die einsamen Seen und Flüsse (von denen es unglaublich viele gibt!) und die vielfältige Tierwelt erleben und genießen möchte, der wird nicht umhin kommen, die Gesamtstrecke zu reduzieren. Innerhalb von 2 Wochen bleibt einfach nicht genug Zeit, sich intensiv auf einzelne Gegenden einzulassen, wenn man weiß, dass man noch hunderte von Kilometern zurücklegen muss.

Gönnt Euch doch einfach mal die Muße, ein paar Tage an nur einem Ort zu bleiben, und vielleicht sogar noch ein Stück abseits der Hauptroute. Nicht nur Lake Louise, Peyto Lake und sonstige als „muss-man-unbedingt-gesehen-haben“ eingestufte Seen sind wunderschön. Es gibt unglaublich viele, wirklich einsame Bergseen, an denen Sie vielleicht keinen Andenken-Stand finden, aber dafür die Natur mit allen Sinnen genießen können. Und glaubt mir, sie stehen den so viel gepriesenen bekannten Seen an Schönheit definitiv nicht nach!

steigt doch einfach mal aus - Reflections

Carpenter Lake, Canada

Die Chancen auf Tierbeobachtungen sind unter anderem auch abhängig von der Jahres- und Tageszeit. Habt Ihr in unseren heimischen Gefilden schon einmal im Hochsommer in der größten Mittagshitze eine Gruppe Rehe und Hirsche von der Autobahn aus beobachtet? Nicht? Das würdet Ihr auch nicht wirklich erwarten, oder? Warum tut Ihr es dann auf kanadischen Highways?

steigt doch einfach mal aus - Deer

Eine neugierige Hirschkuh am Wegesrand

Für Bärensichtungen ist der Herbst sehr gut geeignet. Zu dieser Zeit kommen die Tiere an die Flussufer, um sich mit Fischen ihren Winterspeck anzufuttern. Insbesondere Flüsse, die Teil der Lachswanderstrecken sind, bieten hier sehr gute Chancen auf Sichtungen.

Woher habe ich nun meine Bärenfotos? Ganz einfach – ich habe im Herbst stunden- und tagelang in der Wildnis gesessen und gewartet, dass sich ein Bär zeigt. Und das zum Teil in strömendem Regen. Die Stellen, an denen ich saß, haben mir die Guides gezeigt, mit denen ich unterwegs war. Und dann ist es immer noch Glückssache, dass tatsächlich ein Tier auftaucht.

steigt doch einfach mal aus - Tiere beobachten ist Glückssache!

Warten auf Bären im Regen

An diesem Tag habe ich übrigens erfolglos gewartet – der einzige Bär, der sich zeigte, war so weit entfernt, dass er nur ein kleiner Punkt am Horizont war. Dafür waren wir dann an den nächsten Tagen und anderen Stellen erfolgreich in Bezug auf Sichtungen.

steigt doch einfach mal aus - Black Bear Fishing

Schwarzbär beim Fischen

steigt doch einfach mal aus - Grizzly Family

Grizzlymutter mit Jungtieren

Ein anderes Mal haben wir uns mit einem Schwarzbären den Campground geteilt – allerdings befand sich dieser abseits der Hauptrouten und war sehr gering frequentiert, da er weder Strom- noch Wasseranschlüsse aufwies und eigentlich eher ein Zeltplatz war.

steigt doch einfach mal aus - Bear on Campground

Unser Nachbar, der Schwarzbär

Würde ein Bär auch nur einen Fuß auf einen großen Campground setzen, würden hier sofort entsprechende Maßnahmen ergriffen, dass sich das nicht wiederholt, einfach, weil es gefährlich ist. Und nicht nur für uns Touristen, sondern auch für den Bären. Wenn er die Scheu vor den Menschen verliert und beginnt, sich von deren Essensresten zu ernähren, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er erschossen wird, ziemlich hoch. Daher ist der Satz „A fed bear is a dead bear“ – sprich, ein gefütterter Bär ist ein toter Bär – wirklich ernst zu nehmen. Deshalb auch meine dringende Bitte: Füttert NIEMALS Wildtiere am Straßenrand, und ganz besonders keine Bären! Abgesehen davon, dass es empfindliche Strafen dafür gibt (wie ein Bußgeld von 1.000 $), kann es eben für die Tiere tödlich enden. Schließlich möchte doch niemand für den Tod eines Tieres verantwortlich sein, nur wegen eines Fotos!

Tatsächlich haben wir auch schon Tiere neben dem Highway gesehen. Aber für intensivere Beobachtungen kann ich nur nochmals betonen – fahrt runter von der Hauptstraße, steigt aus dem Fahrzeug, geht in die Natur. In den meisten Orten findet Ihr entweder im Tourist Center oder auch bei der örtlichen Rangerstation gute Tipps und Hinweise, wo Ihr in der Umgebung schöne und Erfolg versprechende Beobachtungsplätze findet. Ihr müsst also nicht stundenlang ins Hinterland fahren – manchmal sind es nur wenige Kilometer, die den entscheidenden Unterschied machen. Besonders wenn man Bären sehen möchte, sollte man nachfragen, ob es ggf. Viewpoints gibt, geführte Touren etc. Meist wissen die Ranger vor Ort sehr genau, an welchen Stellen man die Tiere gefahrlos beobachten kann.

So könnt Ihr dann Euer echtes Wildnis-Abenteuer für Euch erleben – und glaubt mir, dafür werdet Ihr im Nachgang betrachtet gerne auf das eine oder andere „Standard-Foto“ verzichtet haben!

Hier findet Ihr die Galerieansicht der Beitragsbilder:


Kommentar erstellen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

10 Gedanken zu “Steigt doch einfach mal aus!

  • Dorothy Wespaletz

    ….das hast du wiedermal WUNDERVOLL geschrieben Elke, danke dir! Du sprichst mir damit voll aus der Seele! Meine ersten Wildtierfotos habe ich auch nur machen können weil wir immer wieder mal vom Hauptweg abgebogen sind! 🙂

  • reisebild

    Gut geschrieben, auch wenn ich ein klein wenig widersprechen muß. Wir haben durchaus so manchen Bären oder Elch an der Hauptstraße gesehen. Man muß nur das „richtige Auge“ dafür haben. Wir sagen immer, wir haben unser Bärchen-Radar eingeschaltet ;-)) Letztes Jahr waren es immerhin 17 Bären, die wir gesehen haben.

    • elktravel

      Wir haben ja auch schon Wildtiere neben und auf der Straße gesehen, auch mitten in Jasper, keine Frage! Aber die Erwartungshaltung, wie im Safaripark Stukenbrock o.ä. alle paar Meter Tiere zu sehen, bringt viel Enttäuschung mit sich. Und um Bären in Ruhe beobachten ist der Highway sicherlich nicht die Beste Wahl.

  • Silke

    Super Bericht! Erinnert mich an die Viewpoint-Hopper am Grand Canyon,die auch keinen Fuß weiter als bis zum nächsten Aussichtspunkt bewegen und mit Vorliebe die süßen Hörnchen füttern,obwohl inzwischen alles mit Hinweisschildern zugepflastert ist.
    Und es erinnertmich an unseren Besuch im Yellowstone NP letztes Jahr. Ich habe keinen Bären gesehen und fand´s gar nicht schlimm! Ich hatte es von der Straße aus nämlich auch nicht erwartet. Schlimm waren die vielen Leute,die total ausflippten, als ein Kojote versuchte, die Straße zu überqueren. Er wurde so bedrängt, daß er richtig Angst bekam. Warum ist Respekt vor der Natur so schwierig?

    • TravelElk Beitragsautor

      Danke Silke! Ich weiß auch nicht, warum so viele Leute ohne ihr „Mega-Highlight“ nicht glücklich sein können. Wir haben schon stundenlang an einem Seeufer gesessen und höchstens mal eine Möwe gesehen – na und? Die Landschaft und das Licht waren traumhaft, was hätte mir da fehlen sollen? Und das Füttern oder Bedrängen von Tieren ist ein absolutes No Go, genau wie die Selfies mit Rücken zum 50 Meter entfernt stehenden 500-1000 Kilo-Tier…
      Noch ein Grund mehr, warum es mich immer von den Hauptrouten wegzieht, ich möchte eben auch gerne Tiere sehen, aber entspannt und ungestört in ihrer ganz normalen Umgebung.
      Ich habe manchmal das Gefühl, dass auch die Natur immer mehr konsumiert anstatt genossen und wertgeschätzt zu werden, und das finde ich schade. Umso mehr freue ich mich über jeden Leser, der auch so denkt und die Natur nicht als selbstverständliches Hintergrundmotiv wahrnimmt.

  • Kerstin

    Hallo Elke,
    Wahre Worte! Ich schätze je schnelllebiger unsere Welt wird, desto mehr wollen wir. Wir wollen in 14 Tagen nicht nur einmal auf die andere Seite der Welt fliegen, sondern auch Sehenswürdigkeit A-Z sowie alle dort ansässigen Tiere gesehen, die Einheimischen kennengelernt haben und und und… Es ist natürlich schön, dass heutzutage viel in kurzer Zeit möglich ist, allerdings sollten wir im Urlaub bewusst versuchen, aus dem Hamsterrad auszubrechen und alles etwas langsamer angehen zu lassen. Nicht einfach, aber daran arbeite ich derzeit… 🙂 Toller Artikel!
    Liebe Grüße,
    Kerstin

    • TravelElk Beitragsautor

      Hallo Kerstin,
      vielen Dank! Manchmal denke ich, dass Urlaub sich partiell sehr verändert hat. Vielen reicht eine entspannte Auszeit nicht mehr, es muss halt im Nachgang „was hermachen“. Also hecheln einige den vermeintlichen Attraktionen hinterher, um zeigen zu können, dass man eben auch da war.
      Und dann die Enttäuschung, wenn vor Ort nicht alles so ist wie auf den Hochglanz-Bildern im Web…
      Seit ich mich davon nicht mehr blenden und Reisen wieder einfach auf mich zukommen lasse, ist es für mich deutlich entspannter und genussvoller geworden, neue Orte für mich zu entdecken! ?