Wildtiere als Raumdeko im Hotel? 2


Es gibt Dinge, bei denen ich mich Frage, was genau in den Köpfen mancher Menschen vorgeht. Hotels, von denen aus man Wildtiere hautnah beobachten kann, gibt es inzwischen einige. Doch jetzt geht es noch einen Schritt weiter – in Australien gibt es ein Hotel, das die Gäste direkt in den Gehegen übernachten lässt, nur durch eine Scheibe von den Tieren getrennt.

Als ich heute einen Artikel über die Jamala Wildlife Lodge sah, hielt ich das Ganze zunächst für einen fragwürdigen Werbegag. Dann musste ich jedoch feststellen, dass das leider keine Werbemaßnahme, sondern die Wirklichkeit in dieser Lodge ist. Auf der Webseite der Lodge findet man reichlich Fotos, die mir wirklich und wahrhaftig den Magen umdrehen. Warum? Weil Wildtiere keine Raumdekoration sind! Weil ein Grizzly nicht als Kick neben ein Schaumbad gehört! Weil ein Löwe nicht als Deko zum Abendessen da ist! Weil man mit anderen Lebewesen einfach nicht so umgeht!

Bevor jetzt jemand aufschreit, dass es den Tieren ja gut geht, sie versorgt sind, Platz haben – ja, mag alles sein, aber mal ernsthaft: Was sagt es über uns aus, wenn wir die Tiere, die wir ja angeblich schützen, indem wir sie in Zoos sperren (was für mich an sich in der heutigen Zeit schon äußerst fragwürdig ist), jetzt endgültig zum Dekorationsobjekt mit erhöhtem Nervenkitzel-Faktor degradieren? Was hat das noch mit Tierschutz und Arterhaltung zu tun? Wo ist der Respekt vor dem Tier?

Wenn Wildtiere zur Raumdeko werden

© Jamala Wildlife Lodge

Diese Bilder habe ich von der Webseite der Lodge kopiert. Möglicherweise gibt es Menschen, die bei diesen Bildern denken – wow, da muss ich hin. Zu diesen Menschen gehöre ich definitiv nicht. Für mich ist das nicht spannend, reizvoll oder gar das ultimative Urlaubserlebnis. Für mich ist es ein Mal mehr der Beweis, dass es einen Reisetrend gibt, der für mich nicht nachvollziehbar ist.

Seit Jahren kämpfen Tierschützer gegen die Haltung von Orcas und anderen Meeressäugern in Aquarien. Das Leid der Tiere ist bekannt, die Haltungsbedingungen, die häufig nicht einmal ansatzweise den Bedürfnissen der Tiere entsprechen, gleichfalls. Das hindert aber tausende und abertausende von Menschen nicht, die Delfin- und Orcashows der Aquarien zu besuchen, um dort Ooooh und Aaaaaah zu rufen und vor Vergnügen zu jubeln, wenn sie von den Tieren bei deren Sprüngen nassgespritzt werden. Da helfen anscheinend auch Filme wie „Blackfish“ nicht – da wird im Kopf auf „heile Welt à la Disney“ umgeschaltet, und schon ist alles rosarot und schön. Für die Zuschauer zumindest, denn die Tiere dürften das ganz anders sehen. Nur dass sich die Zuschauer dafür letztendlich nicht interessieren.

Und als wäre das noch nicht genug, legt nun dieses Hotel nach mit dem Missbrauch von Tieren. Ja, ich nenne es Missbrauch, denn in meinen Augen ist es nichts anderes, was hier geschieht. Viele Menschen wünschen sich sehnlichst, ein Mal im Leben einem solchen Tier nahe zu sein, Auge in Auge mit einem großen Raubtier zu stehen. Das kann ich verstehen, aber mein Verständnis endet dort, wo das Tier keine Wahl mehr hat, nicht ausweichen kann, ihm diese Begegnung aufgezwungen wird.

Sind Slogans wie „Reise Dich interessant“ der Grund dafür, warum immer mehr Menschen meinen, dass sie den ultimativen Kick im Urlaub brauchen? Dass ein Urlaub für manche nur dann gut ist, wenn man anschließend damit im Freundes- und Kollegenkreis mächtig dafür bewundert wird, was man tolles erlebt hat? Es ist für mich nicht konkret greifbar, aber es gefällt mir definitiv nicht, dass diese Art von Urlaubsattraktionen eher zu- als abnimmt.

Immer häufiger begegnen mir im Netz Fotos, bei denen sich mir die Nackenhaare aufstellen. Selfies mit Wildtieren wie Bären, Bisons, Löwen in bedenklich kurzer Distanz im Hintergrund, breit grinsende Gesichter der Fotografen im Vordergrund. Eine unglaublich gute Idee, einem Wildtier auf kurze Distanz den Rücken zuzudrehen, um mal schnell ein „cooles Pic“ zu schießen – wenn man nicht so an seiner Gesundheit hängt. Eine Grizzlybärin, die mit ihren Jungtieren versuchte, eine Brücke zu überqueren und dabei von fotografierenden Touristen so bedrängt wurde, dass sie kaum wusste, wohin mit sich und nur mit Not der knipsenden Meute entkam. Wären das schöne Urlaubserinnerungen für Euch? Tolle Urlaubsbilder, die ihr gerne vorzeigt?

Die Einstellung zu Tieren hat sich in den letzten Jahren in vielerlei Hinsicht verändert, häufig auch zum positiven für die Tiere. Aber gerade in puncto Freizeit- und Urlaubsvergnügen scheinen sehr viele Menschen bereit zu sein, Bedenken und Zweifel über Bord zu werfen, denn „schließlich habe ich ja Urlaub, und man muss ja auch mal abschalten und sich was gönnen“ – solche Kommentare habe ich schon häufig gehört. Was genau gönnt man sich denn, wenn man ein Hotelzimmer in einem Raubtiergehege bezieht? Was ist der positive Punkt daran, das Tier wirklich wie ein Accessoire, ein Dekoelement für ein Hotelzimmer zu betrachten?

Besonders gern wird hierbei dann mit Kindern argumentiert:“Die Kinder sollen diese wundervollen Wildtiere ein Mal aus aller Nähe bewundern können, sie finden sie doch so schön!“ Aha. Da lernen die lieben Kleinen doch auch direkt eine tolle Lektion für ihr späteres Leben: Man kann Tiere nach Lust und Laune benutzen, um sich seine persönlichen Wünsche, Träume und Vorstellungen zu verwirklichen. Oder vielleicht auch: Es ist okay, ein anderes Lebewesen einfach so für die eigenen Zwecke einzusperren oder ihm seine Würde zu nehmen. Sind das die Botschaften, die wir unseren Kindern mitgeben wollen für die Zukunft?

Ich liebe Tiere, und ich finde es wundervoll, Wildtiere zu beobachten. Allerdings in Freiheit und in ihrer natürlichen Umgebung! Natürlich ist es nicht einfach, Tiger, Bären oder Löwen in freier Wildbahn zu beobachten, aber wer hat denn behauptet, dass es das sein muss? Wo steht, dass jeder Mensch ein natürliches Recht darauf hat, ein anderes Lebewesen nach Lust und Laune seiner Freiheit zu berauben, um es dann in Ruhe und ohne jegliche Gefahr für Leib und Leben anstarren zu können?

In mir entsteht immer mehr der Eindruck, dass für viele Menschen ohne solche außergewöhnlichen Kicks der Urlaub nichts mehr wert ist. Es muss besonders sein, möglichst noch irgendwie mit ein wenig Gefahr verbunden und dann am Besten noch am anderen Ende der Welt, dann wars toll. Ich mag auch gern Dinge, die nicht so alltäglich sind, aber für mich endet das Urlaubsvergnügen dort, wo Tiere dazu benutzt werden, noch mehr Touristendollars zu verdienen. Das beginnt mit Elefantenreiten (Wer sich mal mit der Anatomie von Elefanten und deren Haltungsbedingungen in den Tourismuszentren beschäftigt hat, setzt sich definitiv nicht auf eines dieser Tiere), geht weiter beim streicheln von Löwenbabies (die gezüchtet und ihren Müttern weggenommen werden, damit sie als Babies von Touristen gestreichelt werden und als erwachsene Tiere Jägern als Trophäen vor die Flinte gescheucht werden können), über Orcas in Aquarien (die sich aus Depression schon selbst verletzen oder versuchen, sich das Leben zu nehmen), bis hin zu neuen, tollen Sensationen wie diesem Hotel mit seiner lebendigen Ausstattung.

Was mir bleibt ist die Hoffnung, dass mehr Menschen darüber nachdenken, was genau ihr Urlaubsvergnügen eigentlich bedeutet – für die Tiere, die als lebende Statisten für das perfekte Urlaubsfeeling herhalten müssen, ob sie wollen oder nicht. Und – das Hotels wie dieses ein Einzelfall bleiben.

Wer Wildtiere anschauen möchte, der kann das am Besten tun, indem er das in deren Heimat tut. In der heutigen Zeit bekommt man einen Löwen detaillierter im TV zu sehen, als man ihn selbst im Zoo betrachten könnte. Man muss Tiere nicht mehr einsperren, um sie anschauen zu können! Es gibt so viele wunderbare Lodges weltweit, die ihren Gästen sanfte Beobachtungen anbieten, in denen die Tiere nicht eingepfercht oder bedrängt werden, sogar etliche Lodges, bei denen Wildtiere freiwillig bis an die Zimmer herankommen. Natürlich braucht es in der Natur meist auch eine gehörige Portion Geduld, wenn man Tiere beobachtet. Aber umso schöner ist es dann, wenn man eine Sichtung hat und vielleicht sogar noch Blickkontakt!

Ich will nicht pauschal sagen, dass alle Tierparks schlecht sind, es gibt etliche, die sich wirklich um das Wohl der Tiere bemühen, das steht außer Frage. Aber es gibt eben auch unglaublich viele schwarze Schafe in dieser Branche, für die Tiere nur eine weitere Möglichkeit sind, sehr viel Geld zu verdienen.

So bleibt mir letztendlich nur, an Euch zu appellieren – an Euer Herz und Euren Verstand. Schaut Euch genau an, was Euch angeboten wird und was es für alle Beteiligten bedeutet, Mensch und Tier. Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten für Wildtier-Begegnungen im Urlaub, und es wäre schön, wenn mehr Menschen sich für die freiwilligen Begegnungen und Wildtier-Sichtungen in gegenseitigem Respekt entscheiden würden, anstatt den vermeintlich einfachen Weg zu gehen, bei dem das Tier quasi auf dem Präsentierteller gereicht wird.

Gern werde ich Euch in der nächsten Zeit Lodges und Tourenanbieter vorstellen, die verantwortungsvoll mit Tier und Natur umgehen und Euch die Möglichkeit bieten, Tiere in freier Wildbahn zu sehen, ohne sie dabei zu beeinträchtigen. So bleibt dann auch nach dem Urlaub kein fader Beigeschmack zurück.

 


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